Sunday, 1 November 2015

AAF Krefeld

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen dieses Jahr, und dies im Gegensatz zum letzten, die Veranstaltung Analog Audio Forum in Krefeld nicht wieder mit kritischen und doch auch amüsanten Beschreibungen zu kommentieren. Aber nach meinem Besuch gestern komme ich dennoch nicht umhin, einige der dort angestellten Bemühungen zu hinterfragen. Um einiges zu dreist gepriesen und das auch im vollen Bewustsein um die dargebotene Minderqualität des Produktes, scheinen einige Aussteller den "unbedarften Interessierten" hinter die  vielzitierte "Fichte führen zu wollen". Diese unverblümten Methoden von Überrumpelung erscheinen mir als typische Verteilungskämpfe eines schnell alternden und schwindenden Geschäftsfelds, wo scheinbar das Heute schon nicht mehr an ein Morgen glaubt... So versuchen nun es noch einige, koste es was es wolle, – also um jeden Preis, also auch den des Kunden selbst, ihren Kram nur noch loszuschlagen. Im zurückliegenden Jahr beschrieb ich das Prospekt der gesamten Veranstaltung folgendermassen: 
Das Analog Forum ist eine Veranstaltung der Analog Audio Association, einem Verein der schon vor langen Jahren mit dem Ziel gegründet wurde, den Artenerhalt der aussterbenden Spezies "Vinylschallplatte" mit der Nachhaltigkeit und sektiererischen Frische von Spielzeugeisenbahnherstellern und deren typischem weltoffenen und innovationsfreudigem Habitus Profit zu schlagen mit einem Forum entgegen zu wirken.
Dem kann ich erst einmal nichts Neues und damit Wesentliches hinzufügen. Im sich abzeichnenden Niedergang der Musikträgerformate wird vermutlich die Vinylschallplatte als einziges nennenswert überleben können. Dementsprechend breit war dann auch das Angebot an entsprechenden "Drehapparaturen". Technisch betrachtet waren diese ähnlich konzipiert und von formalem Dilentantismus in meist verwechselbare Gestalt gebracht. Ein immer gleicher Materialmix aus Edelholz, Metal und Glas, zunehmend mit immer größer werdenden CNC-gefrästen Ikons veredelt, soll helfen die Wohnzimmerkultur über ein Mindestniveau von Selbstbauapparaten zu erheben. Ich frage mich wann es mehr Anbieter von Laufwerken geben wird, als der Markt noch Käufer für Schallplatten anspricht.

Aber schön der Reihe nach. So erfreute ich mich auf dem Weg nach Krefeld; und dabei wurden tief verschüttete Kindheitserinnerungen an folgender aufwendig inszenierten Installation geweckt; als ich im Hauptbahnhof (!!!) Neuss beim Umsteigen etwa 15 Minuten Aufenthalt hatte:


Alles dreht sich, alles bewegt sich...
Einige Zeit später erreichte ich dann das Gelände des Mecure-Tagungshotels in Krefeld Traar bei allerbestem Oktoberwetter, genau wie schon im Vorjahr hätte man die letzen sonnigen Tage vielleicht besser nutzen können... Bereits auf der Zufahrt zum Eingangsbereich entdeckte ich folgendes Fahrzeug mit auffällig doppeldeutiger Beschriftung: 





"Fast Audio, das kann ja heute wieder heiter werden", dachte ich mir, wenn dieses "claim" sich durchziehen sollte. Aber es sollte schlimmer kommen... Ich habe jetzt keine Lust ausführlich zu beschreiben wie einige Aussteller unverhohlen nachlässig vorführten, teilweise weit jedem audiblen Mittelmass entrückt wurde Standartriegelware als "audiophilen Feinkost" angepreist, – und natürlich selbst diese war kein Sonderangebot.

Aura aus Essen legte die Stange dann auch gleich ganz oben auf, da wurde in der Einführung zur Demonstration der bekannten Plastiktröten CD-Hörner von Avantgarde Akustik darauf verwiesen, dass der zugehörige Vollverstärker im reinen Class-A-Betrieb ein volles Watt erzeugt und damit nun der gesamte Kleinsaal beschallt werden würde. Der aufmerksame Betrachter fragte sich allerdings warum an den Tieftonmodulkisten jeweils eine Leuchtdiode den Betriebzustand anzeigte? Dem auch mit blauen Leuchtdioden zur optischen Aufmerksamkeit verholfenem Abtaster von Soundsmith (USA) wurden geradezu magische Kräfte von Aura attestiert. Das mit Druckaufnehmern bestückte Tonabnehmersystem soll dermassen linear den gesamten Frequenzband wiedergeben, dass eine Entzerrung nach RIAA Standart nun gar nicht mehr notwendig sei. Hallo, was habe ich denn jetzt nicht verstanden? RIAA Emphasis in der Schneidekennlinie? Wie kann man mit Linearität diese, eine äußerst krumme Kurve wieder gerade biegen? Aber egal, fragt ja eh keiner, Hauptsache Eindruck und Welle machen, dafür ist man ja da. Man muss der Vorführung zumindest attestieren, dass sie zu den besten an diesem Tag dort gehörte. Dennoch, die betont sparsam und farblos spielenden Plastiktröten Kugelwellenhörner (waren dafür umso farbiger orange lackiert) überzeugten zwar mit vergleichsweise dynamischen Mitteltonatributen, erreichten aber nicht im Geringsten die harmonisch souveräne Musikalität die anderen großen Hornsystemen der Vergangenheit zu eigen ist. Im Vergleich zu solcherart erwachsen klingenden Hornsystemen, vornehmlich aus der Blütezeit des Tonfilms der 1930er Jahre, wirkte die Installation wie Plastikspielzeug.

Für mich einer der absoluten Höhepunkte der Unverschämtheit* war die Vorführung des Veranstalters selbst. Mit aktuellen Modellen der Tannoy Prestige Reihe wurde am Modell Canterbury GR eine Orgelmusikaufnahme vorgeführt. Nun, ich muss mich nicht als Freund der frühen 15-Ohm-Tannoy Lautsprecher an dieser Stelle outen, Menschen die diesen Blog verfolgen, kennen bereits meine Interpretation des Tannoy-Chassis. Ich persönlich kenne die Canterbury der ersten Prestige Serie nur zu gut, diesem mit damalig modifiziertem HPD Chassis bestückten Model war bereits Ende der 1980er Jahre eine eindeutige dynamische Trägheit und damit verbundener Mitteltonauflösungsverlust im Vergleich zu früheren Versionen beschieden. Aber das was gestern dort im Raum „Klarheit“ (!) vorgeführt wurde, schlug dem Fass den Boden aus. Die heutigen Modelle mit keramischen Magneten und mit Schwingspulen für 600 Watt Heizleistung optimiert, verhalten sich zu den von mir geliebten Chassis mit einer Belastungsgrenze von 30 Watt, wie die heute verbreiteten SUV's zu einem 1970er Lotus Super Seven. Das vorgeführte Orgelkonzert klang unterirdisch, geradezu  grausam – eine Folter für das gebildete Ohr. Triefend schwerfällig und dabei laut, mit matschig vorgetragener Mitteltonauflösung demonstrierte diese Vorführung die typischen Einschränkungen moderner kommerzieller Audiokomponenten mit Nachhaltigkeit. Man muss diese Vorführung schon fast als Affront an die anwesenden Zuhörer werten, schon gar wenn man die AAA als Verantwortliche im eigenen Auftrag versteht.

Man ist heute schnell geneigt zu sagen: "Früher war alles besser". Das glaube ich aber inzwischen nicht mehr so ganz, zumindest was den Zeitraum meiner eigensten Erfahrungsuche im Audio-Bereich angeht. Ich glaube zunehmend, dass die über dreissig jährige Beschäftigung mit diesem Thema mich selbst durch vielfältige Erfahrungen verändert, verschoben und geprägt haben. Das ich dabei schon lange nicht mehr an die selbstheilenden Kräfte eines Marktes glaube, muss ich nicht mehr betonen. Das ich dabei vielleicht auch die Kompatibilität zu einem Massenmarkt zugunsten andere Qualitäten aufgegeben habe, ist ebenfalls richtig. Schon seit langem bin ich des Niederganges kommerziell "verschlimmbesserter Produkte" überdrüssig, führt mein Weg ins Glück nur noch zu ganzheitlich verständlich produzierten Dingen mit nachhaltiger Wirkeffezienz. Produkte die sinnliche Erfahrungen optimieren und dabei auch den Funktionszusammenhang bewahren, solche die individuellen Ansprüchen Raum zugestehen und gleichermassen dem zunehmenden Verlust an Sinnstiftung unser Gegenwart zuwiderstreben. Im konkreten Fall und Anlass reden wir über Audiokomponenten, die es vermögen ein Musikgeschehen noch in seiner Ganzheitlichkeit zu erfassen, wirken zu lassen und die technische Komponente ihrer Konstitution vergessen zu machen. Solche Geräte gab es natürlich einmal mehr nicht zu hören in Krefeld, aber wenn ich ehrlich bin hatte ich das auch nicht erwartet. Aber wenn nicht dort, wo denn dann?



* aus dem Duden: Ärgernis, Dreistigkeit, Frechheit, Gemeinheit, Respektlosigkeit, Schamlosigkeit, Skandal, Ungehörigkeit, Ungezogenheit, Unverfrorenheit, Zumutung; (gehoben) Ungebühr, Ungebührlichkeit; (bildungssprachlich) Impertinenz, Insolenz; (umgangssprachlich) dicker Hund, Hammer; (umgangssprachlich, oft scherzhaft) starker Tobak; (abwertend) Infamie; (umgangssprachlich abwertend) Pampigkeit, Patzigkeit; (salopp abwertend) Chuzpe;